Die Schatzkiste

Kleines und Feines, Schönes und Schräges, Witziges und Nachdenkliches. Kunst und Schmuck für die schönen Seiten des Lebens, die Geschichten dazu und ein paar private Gedanken.

Samstag, 8. August 2009

Kassensturz

Ich weiß nicht, ob Ihr es schon wusstet - aber ab und zu schlüpfe ich in mein Lieblingsshirt mit dem mehr oder weniger dezenten Aufdruck "Wir lieben Lebensmittel" und verwandle mich in eine Kassenmaus.
Das bedeutet, ich betrete den Supermarkt meines Vertrauens und für ein paar Stunden sitze ich in einem winzigen Kassenabteil, das ähnlich wie ein Hamsterkäfig vollgestopft ist mit merkwürdigen Dingen. Neben dem - absolut sinnvollen - Mülleimer gibt es da oft -meist halb gefüllte- Getränkeflaschen der letzten 3 Kassenmäuse vor mir, ca. 1000 zerknüllte Kassenzettel, die neben dem Abfalleimer gelandet sind, einen Vorrat an Kassenrollen, Reinigungsspray, Reste von Salatblättern, Blumenerde und so weiter und so weiter. Im Gegensatz zu einem Hamsterkäfig gibt es kein Laufrad, dafür aber ein Laufband.
Auf dem rollen nun sämtliche nützlichen und weniger nützlichen Dinge des gesamten Universums heran. Scheinbar endlos rücken Schweinesteaks, Weinkisten und Katzenstreusäcke auf mich zu, dicht gefolgt von Wassermelonen, Käseecken, Blumen, Eistüten und Zigarettenschachteln. Es gibt einfach nichts, was es nicht gibt! Ist doch einfach, denkst DU. Ab über den Scanner und weiter zum nächsten. Stimmt - wenn auch nur eingeschränkt. Denn da ist ja noch die Sache mit den PLU-Nummern. Die gibt es für alle möglichen Dinge, die sich halt nicht so einfach scannen lassen: Mohrrüben und Maracujas, ca. 20 Sorten Salate, und, und, und.... Macht aber nichts, die Liste ist nur ungefähr 15 engbedruckte Seiten lang und irgendwann werde auch ich in der Lage sein, mir das alles zu merken. Wenn es schnell geht, in etwa 300 Jahren, vielleicht.
Trotzdem mag ich diesen Job, denn es handelt sich um eine interessante und abwechslungsreiche Tätigkeit. Jede Woche lerne ich irgend ein neues, exotisches Obst kennen, von dem ich im Traum nicht angenommen hätte, das es zum menschlichen Verzehr geeignet ist. Auch die Preise ändern sich ständig. Was die Aushilfe, also ich, im Normalfall aber erst mitbekommt, wenn der erste Kunde sich beschwert, dass die Erdbeeren heute nicht 2.49 sondern nur 1.99 kosten...... Murphy`s Law tritt auch hier in Kraft, denn der Kunde merkt es nicht sofort, sondern erst nach eingehendem Studium seines Kassenbons. Und das heißt dann, man muss einen Verantwortlichen mit Kassenschlüssel rufen, um den Betrag ausbuchen und richtig stellen zu können. Dieser ist aber garantiert gerade in diesem Augenblick entweder
a) in der Pause oder
b) im Lager am anderen Ende des Marktes.
Die Schlange hinter der Kasse reicht inzwischen bis zur Kühltheke und die Leute denken über moderne Formen der Lynchjustiz nach........ So etwas bringt doch Spannung in das Alltagseinerlei!
Außerdem sehe ich an meiner Kasse endlich einmal alle Leute (und zwar, ob ich will, oder nicht), die ich sonst nie treffe. Nicht, dass ich viel Zeit hätte um zu plaudern, aber immerhin behält man auf diese Weise die Gesichter im Gedächtnis. Das ist doch schon mal was!
Sehr schön finde ich auch immer wieder die verschiedenen Varianten, die Waren auf das Laufband zu packen. Das gibt es Menschen, die machen das superordentlich, die Barcodes schön nach unten und alles in Reih und Glied, Warentrenner vorne und hinten. Andere wieder haben alles in eine Tüte gepackt, die sie dann völlig ungeniert auf`s Band kippen. Was ganz gerne zur Folge hat, dass Dinge herunterfallen. Und auch hier hat Murphy die Finger im Spiel: das sind dann grundsätzlich entweder Flüssigkeiten - besonders amüsant ist das bei Sekt, Sektflaschen explodieren beim Aufprall regelrecht und man fühlt sich wie bei der Siegerehrung der Formel 1. Dummerweise riecht man dann den Rest des Tages relativ unvorteilhaft. Oder aber es handelt sich um klebrige Produkte, wie Joghurt oder Sahne, dann muss die Kasse geschlossen und geputzt werden. Und das bedeutet dann wieder - wie könnte es anders ein - Schlange!
Auch lernt man hinter einer Kasse viel für`s richtige Leben. Zum Beispiel, was für unterschiedliche Menschen es gibt. Da ist zu Beispiel der gestresste Businesstyp. Die Person hinter der Kasse nimmt er im Regelfall gar nicht wahr. Vermutlich denkt er, es handele sich um eine Maschine mit Menschenoutfit. Erkennbar ist der Businesstyp an Anzug und Krawatte (auch bei 30°C) sowie an der Freisprecheinrichtung seines Handys im Ohr. Wenn er nicht gerade lautstark telefoniert (nein, der Empfang ist nicht schlecht, es soll nur jeder im Markt mitbekommen, wie wichtig er ist), klingelt dieses Handy. Er kauft meist nicht viel, aber von guter Qualität und zahlt stets mit EC-Karte, auch wenn es nur 3,95 Euro sind. Das freundliche "Guten Tag" und Auf Widersehen und ein schönes Wochenende" der Roboterfrau hinter der Kasse ignoriert er.
Oder nehmen wir den Kontrollfreak. Auch eine sehr schöne Spezies! Der Kontrollfreak packt seine Waren sehr ordentlich aufs Band. Dabei prüft er nochmals sämtliche Mindesthaltbarkeitsdaten was zur Folge hat, dass es größere Lücken auf dem Band gibt und sich bei der Kassiererin dafür alles staut. Die darf nämlich keinesfalls anfangen zu scannen, sondern muss abwarten, bis er auch wirklich die allerletzte Knoblauchzehe auf`s Band gelegt hat. Dann stellt er sich umittelbar vor die Kassiererin, wo er die Anzeige, auf der der jeweilige Preis beim einscannen erscheint, im Auge behalten kann. Jetzt kann es endlich losgehen! Aber nicht so schnell bitte, er muss ja noch mit den Preisen im Angebotsblatt vergleichen. Unnötig zu erwähnen, dass wir mal wieder eine Schlange vor uns haben.......... Da er die Preise kontrolliert, kann er unmöglich jetzt schon seine Waren die in die dafür mitgebrachten Boxen packen. Das macht er dann wenn er gezahlt hat - möglichst passend natürlich, vermutlich hat er bereits im Vorfeld alles genauestens berechnet. Was ihn jedoch nicht davon abhält, seinen Kassenbon anschließend noch eingehend zu kontrollieren. Habe ich schon erwähnt, dass der Kontrollfreak IMMER ein Mann ist?
Gerne genommen werden auch Rentner. Wie wir alle wissen, haben Rentner und Arbeitslose nie Zeit (aber offenbar haben unsere Rentner mehr Geld als unsere Arbeitslosen....). Sie kommen daher grundsätzlich im dicksten Getümmel, mittags um 1.00 Uhr etwa, bei Schichtwechsel an der Kasse, oder aber um 20.58 Uhr - um 21.00 Uhr wird der Markt geschlossen.
Gerne erscheinen sie zu zweit oder zu dritt, denn an so einer Supermarktkasse hat man endlich einmal Zeit über die grundlegenden Dinge des Lebens zu philosophieren. Oder man führt einfach das wichtige Gespräch -etwa wie man der Schneckenplage im Garten Herr wird- das man schon vor einer Stunde auf dem Parkplatz vor dem Markt begonnen hat, weiter. Dass die Kassiererin, die ja nach 8 Stunden harter Mühsal jetzt gerne Feierabend machen möchte, schon nervöse Zuckungen im Gesicht hat, fällt ihnen nicht weiter auf. Wird dann die Endsumme in roten Münzen aus einem Briefumschlag oder einer kleinen Plastiktüte vor der Kassiererin ausgeleert, kann es schon mal vorkommen, dass sich deren Gesichtsfarbe ins violette verändert....... Gerne hören wir in diesem Zusammenhang auch die wohlmeinenden Worte : "ich weiß doch, dass Sie immer Kleingeld brauchen". Ja brauchen wir! Manchmal. Aber nie abends um 21.00 Uhr! Weil wir dass dann nämlich alles auch noch zählen müssen........
Ich könnte noch sooooo viel erzählen. Aber das geht leider nicht. Der Supermark meines Vertrauens wartet! Bis zum nächsten Mal!
Eure Ingrid