Die Schatzkiste

Kleines und Feines, Schönes und Schräges, Witziges und Nachdenkliches. Kunst und Schmuck für die schönen Seiten des Lebens, die Geschichten dazu und ein paar private Gedanken.

Montag, 21. Mai 2012

Mütter (mal wieder....) Untertitel: der Kampf mit dem Rasenmäher

Vor ein paar Wochen war es soweit: nach vielen Jahren unermüdlichen Mähens hat mein guter alter Rasenmäher endgültig das Zeitliche gesegnet und ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Vielleicht hätte irgendjemand mir - der unbedarften und noch dazu blonden alleinmähenden Singelfrau - einmal sagen können, dass so ein Rasenmäher ab und zu ein bisschen Öl braucht.... Dummerweise hat die Neuanschaffung eines neuen Mähers geraume Zeit in Anspruch genommen (da die alleinmähende Blondine keine große Erfahrung im Einkauf von Rasenmähern hat. Snickers - wenns mal wieder länger dauert....). Das Gras (die Bezeichnung "Rasen" ist im Zusammenhang mit meinem Garten eher hochtrabend) ist in dieser Zeit weiter gewachsen - ebenfalls unermüdlich. Inzwischen reichte es mir bis ans Knie. Luna, meine Beagelin, betrat den Garten nur noch unter Protest. Die langen Halme pieksten sie am Bauch. Jedenfalls heute ist es soweit. Der neue Mäher ist da und dank @migowa auch zusammengebaut. Ich also in die Gartenklamotten. Mit der linken Hand den Sicherheitshebel ziehen, mit der rechten den Startzug (oder wie auch immer dieses Teil korrekt heißt). Geht ganz schön schwer. Schwerer als beim alten Mäher. Viiiiel schwerer! Dementsprechend brauche ich auch etliche Versuche, bis der Mäher endlich anspringt. Begleitet wird das Ganze von den überaus kritischen Blicken meiner Mutter. Die hat Beobachtungsposten auf dem Balkon bezogen. Aus sicherer Entfernung bedenkt sie mich mit wohlmeinenden Ratschlägen. Zu dem Zeitpunkt bin ich dann schon ein ganz klein wenig genervt..... Nach dem gefühltem 10. Versuch springt das Teil endlich an. Zum Glück ist es ziemlich laut und absolut in der Lage, unerwünschte Kommentare zu übertönen. Ich also los, die erste Bahn mähen.. Erst mal am Rand, wo das Gras noch nicht ganz so hoch ist. Der Mäher fährt alleine und zwar ganz schön schnell.....und ich im Tiefflug hinterher. Und ungebremst in den Zaun zum Nachbargrundstück. Vor Schreck lasse ich den Sicherungsbügel los und der Mäher geht aus. Macht nix, denke ich, der Fangkorb ist ohnehin voll. Also erst mal ausleeren. Dummerweise beginnt jetzt das Spiel mit dem Zugseil von neuem. Geht irgendwie auch nicht besser als beim ersten Mal. Nur, dass ich schon weniger Kraft im Arm hab. Vielleicht sollte ich mein Boxtraining intensivieren....... Während meiner zahlreichen - vergeblichen - Startversuche zähle ich 7 mal die Frage meiner Mutter, ob ich denn auch die Bedienungsanleitung gelesen hätte. Hab ich. Letzte Woche schon. Endlich springt der Mäher an. Ich mähe eine Bahn, der Korb ist voll. Sicherheitsbügel loslassen, Motor geht aus.... Korb leeren, versuchen Mäher wieder anzulassen. Zwischendurch atmen nicht vergessen. Mutter auf dem Balkon: "was ist das denn für ein schwarzer Fleck auf dem Garagendach?" ich: "ich weiß nicht und ich kann jetzt auch grad nicht gucken". Mutter: "das ist aber ein großer Fleck - muss der da sein?" ich: "ich schau nachher mal....." wenn das ein Comic wäre, würden jetzt kleine Rauchwölkchen aus mein Ohren kommen....... Unnötig zu erwähnen, dass ich immer noch versuche, den Rasenmäher anzulassen. Endlich tuckert er los und ich stürze mich mit einem Wutschrei auf die nächste Bahn. Da ist das Gras schon viel höher, was den Mäher veranlasst mitten drin einen trockenen Huster von sich zu geben und auszugehen. Ich werte das als persönlichen Angriff auf meine Person und kündige dem Teil postwendend die Freundschaft. Aber erst mal den Korb ausleeren..... Da mir der Arm weh tut, beschließe ich, zu drastischen Mitteln zu greifen. Mit 2 Kabelbindern befestige ich den Sicherheitsbügel am Griff - jetzt kann der Mäher nicht mehr einfach ausgehen, allerdings hat sich die Sache mit der Sicherheit auch gerade erledigt. Mutter auf dem Balkon: "der Fleck bewegt sich! Guck doch mal, was das ist!" ich erwäge kurzzeitig mir eine Wohnung im benachbarten Ausland zu suchen. Ohne Garten. Und ohne Mutter..... Statt dessen presse ich ein: "ich kann jetzt nicht" durch die Zähne und reiße wieder an dem Zugseil. Und oh Wunder, das Ding springt an - beim ersten Versuch! Ab jetzt läuft es besser. Ich mähe meine Bahn und leere den Korb aus, ohne dass der Motor ausgeht. Dadurch höre ich auch die Anregungen und Kommentare vom Balkon nicht mehr. Als ich dann endliche fertig bin, hat sich Mutter ins Haus verzogen. Alles ist wieder im normalen Bereich. Als Fazit habe ich ein paar Gartenregeln festgelegt. 1. lasse das Gras nie höher werden als 15 cm. 2. falls es doch noch einmal höher wird, kaufe ein Schaf. Übrigens: der ominöse schwarze Fleck auf dem Garagendach erwies sich als die Katze unserer Nachbarn....

Donnerstag, 1. März 2012

Eine wahre Geschichte

am 20. Februar 2012 begibt sich eine Frau - nennen wir sie der Einfachheit halber einmal Frau Tür (der Name erklärt sich später quasi von selbst),  auf ihren leicht verspäteten Weg zur Arbeit. Dummerweise hat Frau Tür an diesem Morgen nicht auf einen guten Freund gehört, der sie noch davor warnte, dass es eventuell glatt sein könnte. Noch dümmer, dass sie es recht eilig hatte. Und so wurde Frau Tür an diesem sonnigen Morgen von einer vereisten Kurve im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn geworfen.

Nachdem der italienische Kleinwagen von Frau Tür sich überschlagen hatte, kam er im Straßengraben, auf dem Kopf liegend, zum Stillstand. Frau Tür war nicht einmal sehr erschrocken - vielmehr fragte sie sich was um alles in der Welt denn da gerade mit ihr geschehen war und warum ihre Welt so plötzlich auf dem Kopf stand. Während sie also einigermaßen ratlos und verwundert in ihrem Sicherheitsgurt hing, traf sie unvorbereitet eine Saftflasche seitlich am Kopf. Das brachte sie immerhin so weit wieder zu sich, dass sie den noch laufenden Motor abstellte und versuchte die Fahrertür zu öffnen. Wie sich herausstelle, ein sinnloses Unterfangen, denn der Wagen lag leicht schräg auf eben jener Tür.

Glücklicherweise blieb der Vorfall nicht unbeobachtet und kurz darauf hielt ein Kleintransporter am Straßenrand. Zwei sehr nette Herren befreiten Frau Tür aus ihrer misslichen Lage und riefen Polizei und Krankenwagen. Frau Tür`s Proteste den Krankenwagen betreffend, ignorierten sie und so kam es, dass sie sich plötzlich auf einer Trage wiederfand, eine äußerst unbequeme Krause um den Hals und eine Nadel im Arm. Und ehe sie es sich versah, befand sich Frau Tür auf dem Weg in das Krankenhaus einer benachbarten Stadt.

Wie sich dort sehr schnell herausstellte, war Frau Tür gänzlich unverletzt, was alle, die den Unfallhergang kannten, sehr in Erstaunen versetzte. Dennoch sagte man ihr, dass sie zur ihrer eigenen Sicherheit über Nacht unter Beobachtung in der Klinik bleiben müsse. Da kein Zimmer frei war, rollten 2 nette Schwestern sie samt ihrem Bett in den Aufenthaltsraum. Dort fühlte Frau Tür sich äußerst wohl. Das Essen war gut, eine liebe Freundin versorgte sie mit den nötigsten Dingen und durch das Fenster hatte sie einen wundervollen Blick auf ein paar alte Bäume im Park.

Und als Frau Tür so da lag, sich entspannt in ihrem Bett zurücklehnte und sich fragte, wann sie denn zum letzten Mal am hellichten Tag im Bett gelegen und aus dem Fenster gesehen hatte, erschien das Schicksal in Form von Karl-Heinz.

Schwungvoll betrat er den zum Patientenzimmer avancierten Aufenthaltsraum mit den Worten: "guten Tag, ich bin Karl-Heinz, Ihr Pfleger und ich besorge Ihnen jetzt erst mal ein Bett in einem richtigen Zimmer". Frau Türs zaghafte Proteste verhallten angesichts solcher zügellosen Tatkraft ungehört. Um 15.34 Uhr wurde sie mitsamt ihrem Bett und den wenigen Habseligkeiten in ein Zimmer gerollt. Sie erhielt den Platz in der Nähe der Tür. In besagtem Zimmer befanden sich bereits zwei weitere Akteure, nämlich Frau Mitte und Frau Fenster, beides Damen jenseits der 80 und offenbar bereits seit längerem hier untergebracht.

15.36 Uhr. Frau Mitte bemerkt, dass Frau Tür nicht fußkrank ist und beauftragt Sie, doch bitte das Fenster zu öffnen, da die Luft im Zimmer so stickig ist. Übrigens wurde Frau Mitte an der Hand operiert, nicht etwa an der Hüfte oder am Kniegelenk.
15.40 Uhr. Frau Fenster möchte, dass das Fenster umgehend wieder geschlossen wird, da es zu kalt ist im Zimmer. Diesmal ohne Bitte. Frau Fenster wurde am Knie operiert und kann definitiv nicht aufstehen, daher kommt Frau Tür diesem Ersuchen nach.
15.42 Uhr. Frau Mitte erwähnt, sie müsse jetzt aber ganz dringend einmal Pipi (wortwörtlich...!). Suchender Blick in Richtung Frau Tür. Dieser schwant, dass sie gerade zur Hilfspflegekraft aufgestiegen ist und stellt sich schlafend.
15.43 Uhr. Frau Mitte wird deutlicher. "Hallo Frollein - schlafen Sie? Ich bräuchte mal die Bettpfanne". Leichtes Zucken am linken Augenlid von Frau Tür. Ungehalten Frau Fenster "dann klingeln sie doch nach der Schwester und machen Sie nicht immer so ein Theater!"
15.44 Uhr. Frau Mitte klingelt nach der Schwester.
15.44 Uhr und 30 Sekunden. Frau Mitte klingelt erneut.
15.45 Uhr. Frau Mitte laut hörbar: "Ich glaub, ich kann es nicht mehr halten....."
15.46 Uhr. Stille. Nur das Umblättern der Zeitschrift von Frau Fenster ist noch zu hören.
15.48 Uhr. Pleger Karl-Heinz betritt das Zimmer und fragt, wer geklingelt hat. Frau Mitte: "Ich.
                  Ich musste Pipi - aber jetzt nicht mehr....." Pfleger Karl-Heinz sachlich: "Sie klingeln
                  aber auch immer so spät" . Geht, um frische Bettwäsche und Waschlappen zu holen.
                  Frau Mitte "geht der jetzt wieder?" Frau Fenster "Ei - der kommt gleich wieder!" Frau
                  Tür hält nach wie vor krampfhaft die Augen geschlossen. Frau Mitte: "wieso geht der denn
                  jetzt wieder? Und warum ist der eigentlich immer so unfreundlich? Überhaupt sind die alle
                  hier so unfreundlich.....". Frau Fenster schweigt. Frau Tür`s Augenlid zuckt.
16.00 Uhr. Frau Mitte ist gewaschen, mit frischer Wäsche versorgt und das Bett ist neu bezogen.
16.10 Uhr. Frau Fenster stöhnt und klingelt nach der Bettpfanne. Frau Tür`s Augenlid entwickelt ein
                  heftiges Eigenleben.
16.15 Uhr. Frau Fenster benutzt die Bettpfanne. Frau Tür denkt darüber nach, sich auf eigenes Risiko
                  entlassen zu lassen.
16.25 Uhr. Die Bettpfanne wird entfernt. Frau Tür bemerkt, dass sie doch etwas angeschlagen ist.
                  Sie versucht zu schlafen. Frau Mitte schnarcht. Sehr laut.........
17.00 Uhr. Pfleger Karl-Heinz bringt das Abendessen. Brot, Wurst, Käse, Gürkchen, Ei, Butter und
                  Tee. Frau Mitte jammert, dass sie alleine nicht essen kann weil sie ihre Hand nicht benutzen
                  kann. Pfleger Karl-Heinz erklärt ihr, dass er erst das Essen verteilen muss und dann kommt
                  um ihr zu helfen. Er hat ja nur 30 Patienten zu versorgen. Dennoch hat er Zeit, kurz bei
                  Frau Tür stehen zu bleiben und zu fragen, ob es ihr gut geht. Frau Tür findet Pfleger
                  Karl-Heinz überhaupt nicht unfreundlich, im Gegenteil.
17.05 Uhr. Frau Mitte: "Wieso geht der denn jetzt? Der weiß doch, dass ich alleine nicht essen kann!"
                  Frau Fenster: "Der kommt doch gleich wieder!" Frau Mitte: "was???" Frau Fenster:
                  "DER KOMMT DOCH GLEICH WIEDER!!!!" Frau Mitte zu Frau Tür: "Können Sie
                  mir nicht mal mein Brot schmieren?" Weinerlich jetzt: "ich kann das doch alleine nicht
                  und hier hilft einem ja keiner!" Frau Tür seufzt und legt das Brot, in das sie gerade
                  beißen wollte, weg. Aber zum Glück kommt da gerade Pfleger Karl-Heinz und macht
                  Frau Mitte ihr Abenbrot zurecht. Die beschwert sich, dass der Tee zu sauer ist. Pfleger
                  Karl-Heinz holt mehr Zucker. Frau Mitte beschwert sich, dass die Essiggurken zu sauer
                  sind. Pfleger Karl-Heinz sagt, dass das am Essig liegt und er es nicht ändern kann. Und dass
                  Frau Mitte sie eben liegen lassen soll. Frau Mitte isst sie trotzdem. Pfleger Karl-Heinz geht.
17.08 Uhr. Frau Tür ist bei der 2. Scheibe Brot.
17.08 Uhr. Frau Mitte sagt, dass ihr schlecht ist und sie die Bettpfanne braucht. Frau Fenster sagt,
                   sie soll verdammt noch mal klingeln und nicht ständig andere Leute belästigen. Frau Mitte
                   klingelt.
17.10 Uhr. Frau Tür flüchtet mit ihrem Abendessen in den Auftenhaltsraum. Dort bleibt sie bis 20.00
                  Uhr und hat ein kurzes, aber nettes Gespräch mit Pfleger Karl-Heinz, der ihr sagt,
                  wie sehr er seinen Beruf liebt und dass die beiden gar nicht so schlimm sind.
20.05 Uhr. Frau Tür liegt nachtfertig im Bett. Sie hat sich einen Roman aus der Patientenbibliothek
                  geholt und stellt sich taub und stumm. Frau Mitte schnarcht.
20.15 Uhr. Frau Fenster klingelt nach der Bettpfanne.
20.30 Uhr. Frau Fenster hat die Bettpfanne verfehlt. Pfleger Karl-Heinz holt frische Bettwäsche
                  Waschlappen. Frau Tür überlegt, sich selbst zu entlassen.
21.00 Uhr. Frau Mitte: "Mir ist ja so schlecht!" Frau Tür stellt sich immer noch taub. Frau Mitte -
                  diesmal lauter: "Ich hab ganz schlimm Bauchbweh. Des kommt von dem schlechten
                  Essen. De Gurken waren viel zu sauer!" Frau Tür - unvorsichtig: "warum haben Sie die
                  auch gegessen, wenn Sie sie nicht vertragen.....?" Frau Mitte: "Ei da wusste ich doch
                  net, dass ich die net vertrag... - könne sie ned emol dem Pfleger klingeln?" Frau Tür:
                  "das können Sie doch selbst". Frau Mitte: "Zu Ihnen ist der immer so freundlich....".
21.05 Uhr. Frau Tür klingelt. Diesmal kommt die Schwester. Frau Mitte beklagt sich über ihre
                  Magenschmerzen. Die Schwester bringt ein Medikament und erklärt ihr, dass es
                  ein paar Minuten dauert, bis es wirkt und dass sie jetzt gleich kommt um sie für die Nacht
                  fertig zu machen.
21.15 Uhr. Frau Mitte klingelt nach der Schwester und fragt, ob sie nicht ein Medikament gegen
                  ihre Magenschmerzen haben kann. Die Schwester sagt ihr, dass sie gerade ein Mittel
                  bekommen. Frau Mitte hat das schon wieder vergessen.
21.30 Uhr. Frau Mitte fängt an sich auszuziehen. Sie fragt Frau Tür ob sie ihr nicht dabei helfen
                  kann. Ein vorsichtiger Hinweis darauf, dass die Schwester doch sowieso gleich kommt,
                  verhallt ungehört. Frau Mitte möchte ihr blaues Nachthemd. Frau Tür sieht in den
                  mittleren Schrank, darin befinden sich  nur 2 rosa Nachthemden. Frau Mitte behauptet,
                  es wären nicht ihre Sachen in dem Schrank. Und sie wäre auch nicht in ihrem Zimmer.
                  Und jemand hätte ihr blaues Nachthemd genommen. Und dabei hätte sie das doch
                  nur einmal getragen. Da sie den Tränen nahe ist, beginnt Frau Tür nach dem blauen
                  Nachthemd zu suchen. Es findet sich im Nachtschrank. Frau Mitte hat derweil begonnen,
                  den mit Klettverschlüssen festgestellten, frisch operierten, Arm aus seiner Bandage zu
                  befreien. Frau Fenster sagt ihr, sie solle das lassen. Frau Mitte macht hartnäckig und
                  unter lautem Stöhnen weiter. Frau Tür erwägt, ihr Bett wieder in den Aufenthaltraum
                  zu rollen.
21.45 Uhr. Pfleger Karl-Heinz und die Schwester machen die beiden Damen für die Nacht fertig.
                  Heißt: Bettpfanne, waschen, Rücken einreiben, zudecken.
22.00 Uhr. Zapfenstreich. Das Licht wird gelöscht. Frau Tür ist müde und freut sich auf eine
                  hoffentlich ruhige Nacht.
22.05 Uhr. Frau Fenster macht das Licht wieder an. Sie kann im Dunkeln nicht schlafen. Frau Tür
                  protestiert, muss sich aber sagen lassen, dass Frau Fenster schon eine Woche hier ist
                  und immer mit Licht schläft. Frau Tür legt sich das Kissen über den Kopf.
22.20 Uhr. Frau Mitte fällt auf, dass sie immer noch das Krankenhausnachthemd trägt und fragt,
                  wann die Schwester kommt und sie für die Nacht fertig macht. Frau Fenster sagt, sie
                  soll nicht immer so ein Theater machen. Frau Tür stellt sich tot und hofft, dass dieser
                  Albtraum bald vorüber ist. Frau Mitte wurschtelt sich aus ihrem Krankenhausnachthemd
                  und zerrt so lange an ihrer Klettbandage, bis diese nachgibt. Die Infusionsnadel
                  zieht sie sich gleich mit. Frau Fenster drückt die Klingel, weil plötzlich alles voll
                  Blut ist.
22.30 Uhr. Die Schwester ist noch nicht da. Vom Flur hört man das Klingeln aus mehreren
                   Zimmern. Frau Mitte jammert weil sie friert. Frau Fenster fährt sie harsch an, dass
                   sie nicht jede Abend denselben Zirkus machen soll. "Den ganzen Tag schlafen Sie
                   und jeden Abend wäbern sie da rum. Das ist ja nicht zum Aushalten mit Ihnen!" 
                   Frau Mitte - extrem weinerlich - "ich kann doch nix dafür, dass einem keiner
                   hier hilft...." Und überhaupt, das wär nicht ihr Zimmer. Und Ihre Sachen. Und Sie
                   müsste jetzt mal aufs Klo.
22.35 Uhr. Auftritt der Nachtschwester. Sie weißt freundlich aber bestimmt darauf hin, dass sie nachts
                  alleine ist und sich erst um die Notfälle kümmern müsse. Frau Mitte meint, sie wäre auch
                  ein Notfall, die Schwester hätte vergessen sie zur Nacht fertig zu machen. Und sie müsse
                  mal Pipi...... Die Schwester verfrachtet Frau Mitte in einen Toilettenstuhl und macht das
                  Bett frisch. Frau Tür überlegt, dass dieses Bett das meist frischbezogene Bett
                  Deutschlands sein muss.
22.45 Uhr. Frau Mitte bekommt ihren Klettverband wieder angelegt, was sich als größere Aktion
                  erweist, da sie ihn nicht anziehen möchte und sich sträubt. Dann bekommt sie einen
                  neuen Zugang gelegt. Draußen inzwischen heftiges Geklingel.
23.00 Uhr. Die Schwester geht und macht das Licht aus.
23.05 Uhr. Frau Fenster macht das Licht wieder an und klingelt nach der Bettpfanne.
                  Frau Tür erwägt aus dem Fenster zu springen. Dummerweise ist das Zimmer nur im 1.
                  Stock.
23.15 Uhr. Alles erledigt. Die Schwester löscht das Licht. Frau Tür beschwert sich, weil Frau
                  Fenster es immer wieder an macht. Die Schwester fordert Frau Fenster daraufhin
                  energisch auf, das Licht aus zu lassen. Frau Fenster schweigt beleidigt. Frau Tür ist
                  glücklich und schläft ein.
24.00 Uhr. Die Nachschwester kommt zum Blutdruck messen. Alle werden wach.
00.45 Uhr. Das vertraute ratsch, ratsch von Klettverschlüssen erklingt. Frau Mitte pellt sich wieder
                  einmal die Bandage ab. Frau Fenster schnarcht.
00.50 Uhr. Frau Mitte fragt laut, wessen Zimmer das ist und ob jemand ihr neues blaues Nachthemd
                  gesehen  hat. Anschließend tapst sie oh Wunder - zum Nachtstuhl. Frau Tür duselt wieder
                  ein.
01.05 Uhr. Frau Tür erwacht, weil Frau Mitte und Frau Fenster sich streiten. Frau Mitte: "mir ist
                  kalt  und  ich will ins Bett". Frau Fenster: "dann gehen Sie doch und seien Sie endlich still!"
                  Mitte: "ei - ich kann doch nett laufe.....". Fenster: "sie sind ja auch allein in den Stuhl
                  gekommen,   klingeln Sie halt der Schwester!"
                  Mitte: "ich klingel ja schon die ganze Zeit und es kommt keiner"
                  Fenster: "klingeln sie halt noch mal!" Mitte: "auf welchen Knopf muss ich drücken?"
                  Fenster "auf  den, der rot leuchtet. Mein Gott, jetzt stellen Sie sich doch nicht so an!"
                  Mitte: "hier leuchtet  nix rot........" Frau Fenster macht das Licht an. "Das ist ja auch nicht
                 die Klingel - das ist das  Telefon!!!!". Frau Tür hält es nicht mehr aus und klingelt nach der
                 Schwester.
01.10 Uhr.Die Schwester verfrachtet Frau Mitte ins Bett und legt ihr die Bandage wieder an.
                 Frau Mitte will ihr blaues Nachthemd..........
01.15 Uhr Die Schwester löscht das Licht. Frau Tür schläft ein......
03.00 Uhr. Frau Mitte (laut): "Das ist nicht meine Brille!" Frau Tür ahnt Schlimmes und macht das
                  Licht an.  Sieht wie Frau Mitte - wieder auf dem Nachtstuhl sitzend - Frau Türs Brille 
                  aufsetzt. Frau  Fenster beschwert sich, dass das Licht an ist...... Frau Tür holt sich ihre
                  Brille zurück. Frau Mitte will wieder in ihr Bett und hantiert mit dem Telefon.
03.30 Uhr. Alle liegen glücklich in ihren Betten und endlich kehrt Ruhe ein.
05:00 Uhr. Die Schwester kommt mit einem fröhlichen "Guten Morgen" ins Zimmer gestürmt,
                  um Blutdruck zu messen. Die Nacht ist vorüber. Gott sei Dank!

An die Adresse von allen, die glauben, diese Geschichte sei übertrieben oder die Ausgeburt meiner Fantasie: weder, noch! Und wenn sie vielleicht auch amüsant geklungen hat (das war Absicht, damit es auch jemand liest....), so hat sie doch einen sehr ersten Hintergrund. So fragt man sich zum Beispiel schon, wie es sein kann, dass eine einzige Schwester nachts 30 und mehr Patienten zu betreuen hat. Schwestern und Pflegepersonal in der Klinik sind sehr freundlich und kompetent - aber auch überlastet. Gerade alte und kranke Menschen erfordern einfach einen höheren Aufwand, da ist es eben nicht mit einmal waschen in 5 Minuten getan. Natürlich haben wir einerseits einen Fachkräftemangel - aber müssen wir uns nicht fragen, warum wir den haben?  Die Krankenhäuser müssen sparen und diese Sparpolitik geht zu Lasten des Pflegepersonals und damit letztendlich auch zu Lasten der Patienten. In den letzten 15 Jahren wurden in Deutschland rund 50.000 Pflegestellen abgebaut. Ergo müssen sich immer weniger Pfleger um immer mehr Patienten kümmern. Dazu kommt, dass unsere Gesellschaft "altert", es werden also eigentlich mehr Pfleger benötigt und das nicht nur in Krankenhäusern. Es kommt aber kaum Nachwuchs und die Abschaffung des Zivildienstes tut ein Übriges dazu........ Die Belastung für Pfleger und Schwestern wird immer höher, die Arbeitsbedingungen schlechter, der Beruf dadurch weniger attraktiv. Pfleger werden häufiger krank und gehen früher in Rente - die Versorgung wird noch schlechter, das Pflegerpersonal muss noch mehr arbeiten..... ein Teufelskreis. Es wird Zeit, sich einmal Gedanken über die Pflegesituation zu machen und was man an den Bedingungen ändern kann, um die Betreuung von alten und kranken Menschen wieder attraktiver zu machen. Ich denke, das wäre ein Investition in unser aller Zukunft.